Max Kruse (33) wechselt vom 1. FC Union innerhalb der Bundesliga zurück zu seinem Ex-Klub VfL Wolfsburg. Ein Söldner? Kohleborateur? Nein! So ist das Geschäft. Nicht mehr. Und nicht weniger. Vereinstreue ist ein Relikt der Vergangenheit. Fußball-Romantik. Ob des Überraschungs-Transfers gerät der Kult-Kracher der Eisernen im Viertelfinale des DFB-Pokals gegen den FC St. Pauli fast zur Nebensache. Die Köpenicker präsentieren mit Sven Michel (31) vom SC Paderborn umgehend Ersatz. Kein Zufall, meint unser Autor Ronald Toplak.

Ich gebe es zu. Ich habe am Wochenende Schlag den Star angeschaut. Trash-TV auf Pro7. Mache ich sonst nicht. Ehrlich. Diesmal schon. Aber, das betone ich, nur weil Max Kruse als Kandidat dabei war. Der extrovertierte Unterschied-Spieler des 1. FC Union. Auf den ich als bekennender Fan des Lokalrivalens Hertha BSC neidisch schaute. Ein echter Typ. Nicht nur ich hätte es gut gefunden, wenn er im blau-weißen Trikot aufgelaufen wäre. Aber beim Big City Club genügte er nicht den gehobenen Ansprüchen. Nicht die erste Fehleinschätzung, die den Verantwortlichen im Westend in den letzten Jahren unterlaufen ist. 

Der Hammer aber ist nicht, dass Kruse im Duell mit Ersatzkandidat und TV-Allzweckwaffe Steven Gätjen (Schauspieler Frederick Lau setzte Corona matt) trotz einigen Fremdschäm-Momenten 100 000 Euro Siegprämie kassierte. Praktisch nebenbei, so scheint es, zockte er ein neues Arbeitspapier ab. Nicht in Köpenick. Überraschend wechselt der Ex-Nationalspieler innerhalb der Bundesliga zurück zum VfL Wolfsburg, wo er schon zwischen 2015 und 2016 kickte. Ab sofort. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. Mit Kruse. Bei Union.

Damit geriet es fast zur Randnotiz, dass die Eisernen im Viertelfinale des DFB-Pokals Anfang März auf die „Blutsbrüder“ des FC St. Pauli treffen. Völlig egal, wie sehr dieses Knaller-Duell die Fans normalerweise elektrisiert. 

Kruse war zuletzt DAS Gesicht des 1. FC Union. Das Phänomen. Der Hauptmann von Köpenick. Als Vorbereiter. Mann für die entscheidenden Tore. Kunstschütze. Jetzt ist der Zauberfuß zumindest an der Wuhle lahm gelegt. Kauf den Star. Statt „Schlag den Star“. Der Quizshow-Crack von einem Moment auf den anderen abgeschaltet. Weggezapped. Um im Bild zu bleiben. 

Ein Schock für den treuen Anhang der Eisernen. Sicher! Doch man sollte nicht den Stab über ihn brechen. So ist eben das Geschäft. Mal sind die Klubs Täter. Mal Opfer. Im sich immer schneller drehenden Transfer-Karussell.

Kruse ist bekanntlich ein Zocker. Leidenschaftlicher Pokerspieler. Der auch schon mal relativ hohe Summen gewonnen, wahrscheinlich auch verloren hat. Jetzt hat er den Jackpot geknackt. Mit bald 34 Jahren ist er für die Niedersachsen aus der Autostadt noch lange kein Auslaufmodell. Weil der Oldtimer mit VW-Millionen aufgemotzt wird, so dem stotternden Motor der Werkstruppe die dringend benötigten PS im Abstiegskampf bringen soll. Gibt er auch unumwunden zu. „Ich danke euch allen für euer Vertrauen in mich – und jetzt bitte ich euch um euer Verständnis für meine Entscheidung, ein Angebot, das langfristig und hoch dotiert ist, anzunehmen“, so der Shisha-Pfeife rauchende Ballvirtuose in einem Statement an die Union-Fans. Er legt die Karten offen auf den Tisch. Provoziert. Polarisiert. So ist er. So mag man ihn. All in. Klartext. Wahrscheinlich ist es sein letzter großer Vertrag. Er greift nochmal voll ab. Cool bleiben, den eigenen Plan verfolgen und bloß nicht irritieren lassen. Ein Spieler eben. Pokerface? Kann Kruse! Den 26. Platz bei der World Series of Poker in Omaha, der 10. Platz bei der Eureka Poker Tour und der vierte Platz beim Lowball Triple Draw lassen keinen Zweifel. 

Soll mir bloß keiner mit Söldnermentalität kommen. Oder klagen, dass Spieler mal das weiße, dann das schwarze, plötzlich ein rotes Trikot plus Klublogo küssen, dabei vergessen, bei Facebook, Instagram, Twitter das Profilbild zu tauschen. Hört mir auf mit Romantik. Auch, wenn die an der Alten Försterei als einem der letzten Reservate für Fußballkultur sicher noch deutlich mehr verwurzelt ist, als anderswo. Diese von Profis heutzutage einzufordern, ist pure Heuchelei. Vereinstreue? Von wegen! Es geht um Kohle. Viel Kohle. Nur um Kohle. Punkt.

Letztlich sind die Stars immer auf der Durchreise. Die Bundesliga besteht zum Großteil aus Söldnern. Bei Kruse wusste man, was man bekommt. Auch an der Wuhle. Es ist ja kein Geheimnis, wo er in seiner Karriere schon überall aktiv war. Bei der Aufzählung seiner Arbeitgeber kommt Kruse wahrscheinlich selber durcheinander. Für die gesammelten Leibchen braucht er ein eigenes Ankleidezimmer. 

8 Wechsel in 14 Jahren. Werder Bremen, St. Pauli, SC Freiburg, Borussia Mönchengladbach, Fenerbahçe Istanbul, Union, jetzt zum zweiten Mal Wolfsburg. Noch Fragen? Es ist für mich ein ganz normaler Vorgang. Man geht dahin, wo es am meisten Geld zu verdienen gibt. Ich bin mir sicher, dass Kruse einst auch zu Hertha gewechselt wäre. Wenn das Blatt gestimmt hätte.

Ich mache mir um Union keine Sorgen. Erfolg weckt Begehrlichkeiten. Wie vor Kruse die kurzfristigen Abgänge der Leistungsträger Robert Andrich (Leverkusen) und Marvin Friedrich (Gladbach) bewiesen haben. Oliver Ruhnert, Geschäftsführer Sport, zeigt aber in Serie, dass er in Sachen Kaderplanung ein gutes Händchen hat. Für Kruse gibt es dem Vernehmen nach sogar noch Jetons im Wert von 5 Millionen Euro. Wir heißt es so schön: Im Leben geht es nicht immer darum, gute Karten zu haben. Sondern mit einem schlechten Blatt gut zu spielen.

Ruhnert hat immer ein As im Ärmel. Glücksspiel? Denkste! Er ist ein Glücksgriff. Ein offensichtlich gut vernetzter Macher. Kein Zocker. Auch diesmal reizte der 50-Jährige klug, machte kurz vor Ende des Transferfensters den nächsten Stich. Sven Michel (31) heißt der neue Herzbube. Der Topscorer der Zweiten Liga kommt bis 2024 vom SC Paderborn. „Sven ist mit seiner Torgefahr und Kreativität eine echte Verstärkung, wir hatten ihn daher auch schon seit längerem im Auge“, kommentierte Ruhnert.

Ohne Kruse. Ein Rückschlag für den „etwas anderen“ Hauptstadt-Klub im Kampf um Europa? Oder den Pokal? Egal! Sage ich! Union hat weiter sehr gute Trümpfe, um in der Liga oben mitzumischen. Und ins Halbfinale einzuziehen. Mindestens! Wetten, dass …?

Bildquelle: picture alliance / Laci Perenyi | Laci Perenyi