Max Eberl ist beim Fußball-Bundesligisten Borussia Mönchengladbach zurückgetreten. Nach 23 Jahren als Spieler und Manager. Er leidet unter einer Depression. Ein bewegender Schritt. Ein mutiger Schritt. Ein guter Schritt. Nicht verstecken. Nicht verkriechen. Nicht aufgeben. Offenheit ist zwingend notwendig, um die Krankheit zu bewältigen. Findet unser Autor Ronald Toplak.

Max Eberl (48) ist als Manager von Borussia Mönchengladbach zurückgetreten. Im Zeitungsgeschäft ein Aufmacher. Sicher. Aber im Fußball-Zirkus nicht wirklich ungewöhnlich. Man arbeitet zusammen. Trennt sich. Normal. Das gehört dazu. Diesmal aber war es anders. Der Ex-Profi geht nicht, weil es sportlich nicht läuft. Sondern weil er krank ist. Er kann nicht mehr. Seine Seele zog die Notbremse. „Ich bin einfach erschöpft, ich bin müde und kann nicht mehr arbeiten“. Er wolle „raus aus dieser Mühle“, das sei bereits der Grund für seine Auszeit in der Schweiz vor einem Jahr gewesen. Ehrlich. Mutig. Eine schonungslose Selbstanalyse. Arbeiten bis der Arzt kommt – für viele Menschen ist das kein Spruch, sondern ein Problem, das Körper und Seele aus der Bahn wirft.
Ich ziehe meinen Hut vor diesem Mann. Seiner Offenheit. Seiner Ehrlichkeit. Seinen Tränen. Von 100 auf 0. Nichts geht mehr. Die Welt nur noch ein Spielfilm, der wie in Zeitlupe vor den eigenen Augen abläuft. Man fühlt. Spürt aber nichts. Wie in Trance. Das eigene Ich – betäubt, paralysiert.
Sie merken, ich rede nicht nur von Max Eberl. Sondern auch von mir. Ich fiel vor sieben Jahren in dieses schwarze Loch. Offiziell diagnostiziert. Wer weiß, wie lange es mir vorher schon dreckig ging. Lange. Vermute ich. Bis der Kopf auch den Körper auffraß. Konzertierter Verfall. Den man selber gar nicht mitbekam. Nicht mitbekommen wollte. Von einem recht attraktiven Kerl – wurde mir einst zumindest nachgesagt – hin zu einem wandelnden Zombie. Fett. Aufgedunsen. Mit starrem Blick. Wachkoma auf zwei Beinen. Ein Wrack.
Belächelt. Lästern hinter dem Rücken. Das war die eine Seite. Aber es gab auch die andere. Mein Ressortleiter zog die Reißleine. Nicht als Boss. Hoffe ich zumindest. Du! Musst! Zum! Arzt! Es war der 10. März 2015. Einen Tag nach dem Play-off-Ausscheiden der Eisbären in Nürnberg. Aus! Vorbei! Von einem Tag auf den anderen. Man zog mich aus dem Verkehr. Ein Schlag. Voll in die Fresse. Knockout. Ohne anzählen. Und dennoch ein Weckruf. Gerade noch rechtzeitig. Ich bin dem fiesen Typen mit schwarzen Umhang und Sense von der Schippe gesprungen. „Du warst näher am Tod als am Leben“, sagt Frau Doktor heute. Das ich erst wieder lernen musste. Eine neue Lebensaufgabe. Im wahrsten Sinne des Wortes. In allen Bereichen. Sieben Jahre dauert dieser Kampf nun schon an. Ein Ende ist nicht in Sicht. Rückschläge gab es. Gibt es. Wird es immer wieder geben. Das ist, sorry, scheiße anstrengend. Aber auch schön. Denn jeder Fortschritt ist irgendwie auch ein neuer Geburtstag.
Ich sah mich bei der Pressekonferenz mit Max Eberl im Spiegel. Ich spürte sie. Die Schmerzen. Die Verzweiflung. Die Ohnmacht. Bei jedem Wort. Jeder Träne. Sein Leben war der Fußball. Meines der Sportjournalismus. Mit Haut und Haaren. Plötzlich ist der Inhalt deines Daseins gekappt. Die Nervenbahnen durchtrennt. Durch ein gnadenloses Fallbeil. Eine Seelen-Guillotine.
Doch man lernt. Reflektiert. Differenziert. Das verspreche ich Ihnen, Max Eberl. Ein Kernsatz: Man darf bei aller Leidenschaft für den Beruf nicht vergessen, zu leben. Abschalten. Kraft tanken. Unnützen Ballast über Bord werfen. Familie genießen. Freunde treffen. Echte Freunde. Die man plötzlich an einer Hand abzählen kann. Diese Freundschaften auch pflegen, nicht vernachlässigen. Das ist essentiell. Sie, nur sie, bringen die Lebensgeister zurück. Ein einfaches Rezept. Kein Zaubertrank. Aber er wirkt Wunder. Man trinkt Lachen. Gier. Die Gier nach Leben.
Die Depression ist da. Wird immer da sein. Das Ungeheuer geht nicht weg. Sitzt neben dir. Starrt dich an. Grinst diabolisch. Na und? Ich grinse zurück. Man nimmt dem Teufel die Macht. Ignoriert ihn. Zeigt ihm die Faust. Sich fühlen. Sich denken. Sich-neu-denken. Das ist das Geheimnis. Ein dunkles Gestern verlassen ist möglich. Man muss nur gehen. Sie, Herr Eberl, haben den ersten Schritt getan. Ich bin mir sicher, dass wir Sie wiedersehen. Als neuen Menschen. Burnout – ich hasse dieses Wort. Es klingt verharmlosend. Der beste Weg zu einem vernünftigen Umgang mit der Krankheit Depression ist es, diese auch so zu nennen. Deshalb formuliere ich es anders: Vielleicht treffen wir uns mal, Herr Eberl, wenn es Ihnen besser geht. Nicht als Manager. Nicht als Reporter. Sondern als Menschen. Privat. Quatschen. Lachen. Spaß haben. Das wäre echt der Burner! „Ich will einfach Max Eberl sein!“ Sagt er. Dem ist nichts hinzuzufügen. Alles Gute!

Bildquelle: picture alliance/dpa/Revierfoto | Revierfoto

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