Die Eisernen haben die alte Dame als Nummer 1 abgelöst 

1:4 gegen die Bayern. Hertha BSC steckt erneut im Abstiegskampf. Mal wieder mit dem Rücken zur Wand. In der vergangenen Woche bekam das Team Besuch. Rund 100 Ultras stürmten das Geheimtraining vor dem Spiel gegen den Rekordmeister. „Reißt Euch zusammen. Sonst zünden wir die nächste Stufe.“ Gab man den Profis zu verstehen. Dann war der Spuk vorbei. Eine Aktion, die man nicht billigen kann. Es bringt nichts, eine Drohkulisse aufzubauen. Aber es zeigt deutlich, dass es an der Basis gärt. Brodelt. Wachablösung. Machtwechsel. Die Nummer 1 der Stadt ist ganz klar der 1. FC Union. In der Liga. Im Pokal. Oder Europa. Einen ähnlichen Erdrutsch gab es an der Spree zuletzt in den 80er-Jahren, als Blau-Weiß 90 in die Bundesliga aufstieg. Und Hertha in der Oberliga dümpelte.  

Der Frust bei der blau-weißen Leidensgemeinschaft sitzt tief. Die Aufreger: Fehlende Mentalität. Einsatz. Leidenschaft. Fußball als stupide Fließbandware nach Stechuhr. Stereotyp. Schablonenhaft. Maschinell. Anpfiff. Abpfiff. Feierabend. Kreativität im lähmenden Verwaltungsmodus. Schema F – Anrennen nach Formblatt. Die Monotonie der Angriffsbemühungen erinnert an Schafe zählen. Ermüdend. Fast hat man den Eindruck, dass Hertha die Gegner mit Langeweile einschläfern will. Schalter umlegen, in der emotionslosen Routine? Geht nicht. Ein ideenloses Gemälde. Als ob Rembrandt nur Strichmännchen gemalt hätte. Desilluionierend. Hoffnungslos. So wie ich dereinst vor einer Chemie-Klausur. 

Leistungen auf Sparflamme. Trotz Investor Lars Windhorst, der bisher 374 Millionen Euro in den Klub pumpte. Die teuer bezahlte Söldnertruppe zündet die Menschen einfach nicht an. „Wir haben die Bedeutung des Spiels nicht verstanden“, erklärte Kevin-Prince Boateng nach dem 0:2 im ersten Derby beim 1. FC Union. Geht’s noch? Braucht man dafür einen Doktortitel? Jedes Wort – wie ein Schuss aus einem durchgeladenen Revolver. Mitten in die Herzen der Fans. Aber der Prince, sportlich eher Kabinen-Maskottchen statt Führungsspieler, setzte noch einen drauf. Nach der erneuten Derby-Pleite (2:3), diesmal im Pokal-Achtelfinale, wurde der 34-jährige Routinier gefragt, ob Union die neue Nummer 1 sei: „Nein. Das werden sie auch nicht sein, wenn sie mal Meister werden. Hertha bleibt der größte Verein in Berlin.“ Arrogant? Ignorant? Weltfremd?

Ganz ehrlich: Ein bisschen haben alle Herthaner so gedacht. Auch ich. Man fühlte sich als Anhänger des wahren Hauptstadt-Klubs. Freute sich zwar über den Aufstieg der Eisernen. Richtig ernst nahm man den Emporkömmling vom Rande der Stadt aber nicht. Ein bisschen war es so, als ob man den kleinen Bruder mal bei den Großen mitspielen lässt.

Aber: Die Vorzeichen haben sich geändert. Union zeigt, dass die erste, grandiose, Saison kein Zufall war. Jeden verdammten Spieltag. Und: Die Eisernen sind dabei, diese noch zu übertreffen. Sie stehen da, wo Hertha eigentlich hin will. Lassen die alte Dame auch alt aussehen. Bei Union landet Manager Oliver Ruhnert mit einer cleveren Einkaufspolitik Volltreffer in Serie. Ist dabei sparsam. Verpulvert keine Millionen wie Spielgeld. Er holt die Vergessenen. Ungewollten. Aussortierten. Verbannten. Verbrannten. Unerkannten. Unbekannten. Lässt sie im kargen, märkischen Sandboden zu Stars erblühen. Dazu kommt mit Urs Fischer ein tief in sich ruhender Trainer, dessen Kompetenz und taktische Raffinesse beeindruckt. Belohnung: Platz 4. Nach einem 2:1 in Gladbach.Vier staunen! Fast lächerlich mutet es daher an, dass der Schweizer – die Champions League vor Augen – immer noch den „Klassenerhalt“ als Ziel vorgibt. Drei Siege in der zurückliegenden englischen Woche. Inklusive haufenweise Prestige im Derby. Union tanzt im Drei-4-teltakt. Hut ab!

Das! Muss! Man! Anerkennen! Auch als eingefleischtester Hertha-Fan die Scheuklappen absetzen. Aufwachen! Man sollte an der Hanns-Braun-Straße darauf achten, dass sich die Situation nicht zum Flächenbrand entwickelt. Die Unioner träumen vom Pokalsieg in der Heimatstadt, haben den Platzhirsch sogar in Sachen Mitglieder überholt.

Union ist hip. Union ist angesagt. Union ist top. Union macht Spaß. Der blau-weiße Gegenpart wirkt dagegen langweilig. Grau. Bieder. Verstaubt. Nicht arm. Aber alt. Schon gar nicht sexy.

Das ist die Malaise. Die Zuneigung in der Stadt kippt eisern Richtung Köpenick. Die Derbypleiten waren völlig verdient, Hertha in der tiefen Depression der Chancenlosigkeit. Zum Glück hält man an der Wuhle wohltuend den Ball flach. Leise Töne sind angesagt. Dabei könnte man mit solcher Inbrunst jubeln, dass der Triumphmarsch von Aida wie ein Einschlaflied klingen würde.

Anspruch und Wirklichkeit. Klaffen bei Hertha wie so oft weit auseinander. Besserung durch den neuen Chef-Trainer Tayfun Korkut? Bisher eher ein Sturm im Wasserglas. Der Mann steht aber auch von Beginn an im Gegenwind. Ein paar Spiele. Ganz in Ordnung. Dann immer wieder Offenbarungseide. „Totalausfall“, nannte Boateng zum Beispiel das 0:4 in Mainz  Aber auch: „Das ist nicht schlimm. Das kann mal passieren.“ Sätze wie Backpfeifen. Boa-peng! Er prügelt die Gefühle des leidgeprüften Anhangs wie einen Sandsack. Nicht schlimm? Kann mal passieren?  MAL? Motto: Es ist nur eine Phase, Hase? Um einen Buchtitel des geschätzten Kollegen Maxim Leo zu zitieren. Denkste!

Die bisherige Saison kurz zusammengefasst. Das Team ist völlig verunsichert, taktisch wenig flexibel, ohne echte Führungsspieler, die auf dem Platz etwas ändern können. Zudem destabilisiert durch eine Abwehr, die diese Bezeichnung kaum verdient, von einem Torwart, der nicht wirklich  Sicherheit ausstrahlt.

Fredi Bobic, Geschäftsführer Sport, ist nicht zu beneiden. Der flüchtet sich in Zynismus, wenn er 2021 resümiert: „Das erste halbe Jahr fand ich überragend“, sagt er und lacht. „Da war ich aber woanders.“ Da arbeitete er noch für Eintracht Frankfurt.

Am maroden Gesamtkonstrukt seines aktuellen Arbeitgebers trägt er keine Schuld. Der ambitionierte Hoffnungsträger wird von den Altlasten seiner Vorgänger förmlich erdrückt. Da fällt es schwer, aufzuräumen. Es muss mit  (sorry, Herthaner) eisernem Besen gekehrt werden. Wie soll man dieser seelenlosen Zombie-Truppe Leben einhauchen? Da hilft keine Faltencreme mehr, sondern nur ein Generallifting. Reset-Taste. Alles auf 0. Theoretisch, bis auf wenige Ausnahmen, muss der komplette Kader ausgetauscht werden. Auf Wiedersehen. Quatsch. Nimmerwiedersehen. Danke für Nichts. Sonst? Schalke, Bremen oder der HSV lassen grüßen. Katerstimmung. Im Westen(d) nichts Neues. „Wir müssen anerkennen, dass wir noch sehr hart arbeiten müssen, um diesen Kader zu drehen“, gibt Bobic zu.

Es ist ganz einfach. Schaut nach Köpenick. Nehmt Union als Blaupause. Die Eisernen haben eine klare Idee. Wie habe ich es auf der Seite „Hertha und Union – Fanfreundschaft“ gelesen: „Man muss keine Starspieler verpflichten. Man muss das Team zum Star machen. Eisern Berlin!“ Eben! 

Fußball ist das Ballett der Massen, heißt es. Aber: Mannschaften und klassische Ballettensembles können nur gut sein, wenn der Teamgeist stimmt. Die Leidenschaft. In allen Bereichen. Für die ganz große Bühne, wie sehnlichst erhofft, reicht es bei Herha derzeit nicht im Ansatz. Die alte Dame tanzt auf einem extrem morschen Bretterboden. Und muss gewaltig aufpassen, dass sie nicht einbricht.

Tanzen ist Träumen mit den Füßen. Bleibt zu hoffen, dass Bobic nicht nur erfolgreicher Intendant, Choreograph und Regisseur ist. Wie er in Frankfurt eindrucksvoll bewiesen hat. Sondern auch ein guter Handwerker, der saniert, repariert, faules Holz kompromisslos austauscht. Im  einsturzgefährdeten Theater der Träume. Vom Big City Club. Der trägt zurzeit nämlich rot-weiße Trikots.

Bildnachweis: picture alliance / nordphoto GmbH / Engler

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