Ich könnte die Copy-and-paste-Taste drücken. Vor jedem Turnier seit 2018 wird mein Klagelied lauter. Ich mag es kaum auszusprechen: Ich erlebe bewusst meine 15. Fußball-WM. Diesmal steigt der globale Titelkampf in den USA, Kanada und Mexiko. Ich formuliere es vor dem Auftaktspiel der DFB-Elf gegen Curacao in Texas einmal so: Houston, ich habe ein Problem. Oder: Warum Baggy Trousers von Madness meine Hymne ist.
Einst war die Fußball-WM ein Ausnahmezustand, der sich wie ein Feiertag tarnt. Ostern, Weihnachten, Urlaub und Lottogewinn in einem. Ich habe alles geschaut. Wirklich alles. Hinter meinem Rücken wurde getuschelt: „Irre. Der ist komplett irrre!“ Eine ziemlich treffende Diagnose. Ich war der Typ, der nachts um drei auch West-Samoa gegen Vatikanstadt gesehen hätte. Anpfiff war Anpfiff. Töppen-Nerd eben.
Schon vor den großen Turnieren zog ich mir die Klassiker der Vergangenheit rein, in den Dritten Programmen, bis sie sich fast wie Erinnerungen anfühlten. Das Endspiel von 1966 habe ich gefühlt zwanzig Mal gesehen. Dabei war ich damals ein Jahr alt, saß in Windeln auf dem Arm meines Vaters. Trotzdem rede ich über dieses Spiel, als hätte ich selbst auf dem Platz gestanden.
WM. Ich war nicht Zuschauer. Ich war Inventar. Basta. Aber!!! Das war einmal. Es fehlt die Gier. Ausgerechnet bei mir. Dem Allesgucker. Irgendwann hat es aufgehört, ohne dass jemand eine Pressekonferenz dazu gegeben hätte. Aus Leidenschaft wurde ein Geräusch. Erst leiser. Dann nervig. Dann weg. Einfach weg.
Früher war WM Lagerfeuer. Vater-Sohn-Momente. Grillen mit den Kumpels. Rudelgucken. Ein Turnier, ein Land, ein Sommer, ein Gefühl. Heute sitze ich in einem System aus Plattformen, Paketen, Paywalls und Streamingrechten, das sich selbst für Innovation hält. Fußball ist nicht mehr einfach da. Er wird ausgeliefert. In Häppchen. Mit Registrierungspflicht. Mit Abo-Logik. Vielleicht läuft das Spiel irgendwo. Vielleicht auch nicht. Vielleicht nur im Premium-Modul mit Zusatzgerät und Sicherheitscode.
Ich will das nicht. Wir Kinder der Siebziger haben den Ball nicht besessen. Wir haben ihn überlebt. Er war ein Ding aus Leder, das schon beim bloßen Anschauen ängstlich wirkte. Zerfetzt, aufgeplatzt, manchmal schaute irgendwo die Blase heraus wie ein gequältes Geheimnis.
Trotzdem: Wer ihn hatte, war König. Nicht für immer, nur für den Moment, bis jemand „Spiel ab!“ schrie, oder bis die Pille in einem Gebüsch verschwand, das größer war als jede Spielidee. Auf dem Schulhof, neben der Penne, zwischen Mauer und Fahrradständern wurde gespielt, als gäbe es keinen späteren Termin. Die Ranzen waren die Pfosten. Immer. Diskussion zwecklos. Wer meckerte, wurde automatisch Torwart.
Anpfiff war kein Ereignis. Anpfiff war Ausnahmezustand. Wenn kein Ball da war, wurde improvisiert. Tennisbälle, die mehr hüpften als rollten. Milchtüten, die beim ersten Schuss kapitulierten. Coladosen, die klirrend protestierten. Und wenn wirklich gar nichts mehr ging, dann eben ein Stein. Hauptsache Spiel. Hauptsache Bewegung. Hauptsache König werden, auch nur für fünf Minuten.
„Wer hat den Ball?“ war die wichtigste demokratische Frage unserer Kindheit. Danach kam nichts mehr, was vergleichbar ernst gewesen wäre. Die Straßen Berlins waren damals keine Kulisse. Sie waren Spielfeld. Asphalt, der Knie kannte. Heft-Pflaster. In allen Formen. Ohne? Amateur. Hinterhöfe, die nach Abenteuer rochen oder kaltem Rauch von Kohleöfen. Irgendwo immer ein Fenster, hinter dem jemand rief: „Es reicht!“ Und der Hausmeister ersetze schließlich ein Kellerfenster mit einer Sperrholzplatte. Zu oft zerschossen.
Ich denke plötzlich an dieses Lied aus London, das alles trifft, als wäre es hier geschrieben worden: Madness, Baggy Trousers. „Lots of girls and lots of boys. Lots of smells and lots of noise. Playing football in the park. Kicking pushbikes after dark. Baggy trousers, dirty shirt. Pulling hair and eating dirt. Teacher comes to break it up. Back of the ‚ead with a plastic cup.“
Ja. Genau so. Nur dass es bei uns vielleicht weniger Mädchen waren, dafür mehr aufgeschürfte Ellenbogen. Und ein Lehrer, der nicht dazwischen ging, sondern irgendwann aufgab.
Baggy Trousers. Zu groß, zu stolz, zu grün vom Gras. Jede Mutter kannte dieses Geräusch beim Heimkommen. Dieses kurze Einfrieren im Flur. „Schon wieder?!“ Meine Mama stand da wie eine Richterin mit Wäschekorb. Blick auf die Knie, auf die Flecken, auf die Beweise eines Tages, der eindeutig zu gut war. „Du siehst aus wie ein Acker!“ Ich sagte nichts. Was hätte ich auch sagen können? Die Flecken waren ja schon das Geständnis. Fußball war kein Sport. Fußball war Alltag mit anderen Mitteln. Schmutz, der wie eine Auszeichnun getragen wurde. „Dirty shirt“ war kein Makel, sondern Beweis: Du warst dabei.
Und dann Panini. Dieses Wort allein. Kein italienisches Sandwich, sondern Religion in Pappform. Bildchen, die wichtiger waren als Mathearbeiten. Es wurde getauscht. Nicht gehandelt, sondern verhandelt. Mit Blicken, mit Drohungen, mit stillen Abkommen auf dem Pausenhof. Wer ein seltenes Bild hatte, war kurzzeitig Weltmacht. 40:1. Manchmal der Wechselkurs. Vor großen Turnieren wurde die Welt enger. EM. WM. Alles verdichtete sich auf ein Heft, das immer zu früh voll und trotzdem nie vollständig war. Irgendwo stand der Vater daneben, nickte milde lächelnd, manchmal ein Kommentar, eine Erzählung, eine Erinnerung.
Heute ist wieder WM. 48 Teams. Gigantisch. Ein Turnier, das sich anfühlt, als hätte jemand den Globus aufgeblasen, bis er quietscht. Spiele bis tief in die Nacht, Tabellen, die länger sind als die Pausenhofspiele unserer Kindheit. USA, Kanada, Mexiko. Der Jetlag wird der härteste Gegner. Dazu das Geräusch der Gegenwart. Infantino. Trump. Zahlen. Formate. Vermarktung bis in die letzte Grasnarbe.
Wir haben die WM nachgespielt, bis es dunkel wurde. Heute bräuchte man einen Algorithmus und Geduld bis Weihnachten. Das ist der Punkt. Die Wahrheit. Der ganze unverschämte Wahnsinn. Der Fußball ist nicht verschwunden, nur größer geworden als der Platz, auf dem er uns einmal gehört hat. Damals reichte ein Ball. Zwei Ranzen. Und der Glaube, dass jeder König sein kann, zumindest kurz.
Heute schaue ich manchmal noch hin. Vielleicht. Oder auch nicht. Egal. Der Ball liegt nicht mehr im Gebüsch hinter der Schule. Aber manchmal, wenn der Wind richtig steht, hört man ihn dort atmen. Meine Baggy Trousers hängen jedenfalls noch irgendwo im Gedächtnis. Mit Grasflecken, die meine Mutter nie besiegt hat. Hach, war das schön.
Man fragt sich, ob der Fußball noch Hauptsache ist oder nur das Geräusch, das zwischen zwei Werbeblöcken zufällig entsteht. Der Fan soll am Ende dankbar sein, dass er überhaupt noch zuschauen darf. Macht. Moneten. Marionetten. Oft hatte unsere Pille damals zu wenig Luft. Was aber immer noch besser war, als diese aufgeblasene Gelddruckmaschine heutzutage. Das Zocker-, sorry, Soccer-Paradies. Da drüben. Auf der anderen Seite des großen Haifischbeckens. Macht keinen Spaß mehr. Und Grasflecken? Bleiben dank einer Hybridmischung mit synthetischen Fasern auch nicht zurück. Selbst der Rasen ist nicht mehr das, was er einmal war.

Ronald Toplak, geboren am 5. Februar 1965 in Berlin, ist seit über 30 Jahren im Sportjournalismus für verschiedene Hauptstadt-Medien tätig. 25 davon als Redakteur beim Berliner Kurier. Er schreibt – nach einer gesundheitlichen Auszeit – nun als freier Autor.
