Sportecho-Reporter Ronald Toplak über das Comeback von Manuel Neuer im Tor der Fußball-Nationalmannschaft. Motto: 40ig ist das neue 30ig. Ein Neuer Ansatz von Bundestrainer Julian Nagelsmann.
1986. Ein Jahr, das heute klingt wie aus einem anderen Regal. Weiter hinten. Hinter Glas. Neben Dingen, die man nur noch aus Dokumentationen kennt.
Modern Talking steht mit Brother Louie auf Platz 1 der Charts. Falko sorgt mit Jeany für einen Skandal. Depeche Mode läuft mit Stripped im Radio. Irgendwo in einem Wohnzimmer wird eine Kassette in ein Plastikgehäuse geschoben. Ein kurzer Druck auf „Record“, dann Stille, dann Musik, dann dieses leise Rauschen, das immer dabei war wie ein zweiter, unsichtbarer Sender. Und wenn man einen Song nochmal hören will, spult man. Mit dem Finger am Bleistift. Geduldig. Als hätte Zeit noch keine Eile.
Boris Becker gewinnt zum zweiten Mal Wimbledon. Mexiko steht Kopf wegen der WM. Rudi Völler läuft durch die Hitze, als wäre das alles selbstverständlich. Tschernobyl liegt wie ein Schatten über allem, ohne dass jemand schon richtig versteht, wie groß dieser Schatten eigentlich ist. Gorbatschow spricht über Veränderung, die Welt hört zu und weiß nicht, wohin damit.
Und ich? Ich mache mein Abitur. Im zweiten Anlauf. Kein Pathos, eher eine Art Nachsitzen im eigenen Leben. Während die Weltgeschichte weiterzieht, versuche ich, in meiner kleinen Geschichte nicht komplett hängen zu bleiben.
In diesem Jahr wird Manuel Neuer geboren. Ein Satz, der heute fast unverschämt wirkt. Als hätte jemand die Zeit falsch sortiert. Ich war da schon unterwegs in Richtung Erwachsenwerden, mit allen Irrtümern, die dazugehören. Und irgendwo lag da dieses Kind, das später Bälle halten würde, die mir physikalisch immer noch unverständlich erscheinen.
Heute ist vieles anders. Kein Spulen mehr. Kein Rauschen. Kein Bleistift in der Kassette. Heute drückst du auf Spotify und alles ist sofort da. Musik ohne Umweg. Erinnerung ohne Verzögerung. Vielleicht auch Leben ohne Puffer.
Genau das macht diese Rückschau so seltsam. Denn man merkt irgendwann: Nicht nur die Welt hat sich verändert. Auch das eigene Tempo hat sich verschoben. Oder besser gesagt: Es wurde einem langsam abgewöhnt.
Mit vierzig stand ich auf meiner Geburtstagsfeier. 150 Leute. Liveband. Lärm, Licht, Bewegung. Alles da, was nach Leben aussieht. Und trotzdem hatte ich zwischendurch diesen stillen Gedanken, der sich nicht vertreiben ließ: Jetzt geht es wohl bergab. Jetzt beginnt das andere Kapitel. Midlife Crisis, würde man dazu sagen. Damals fühlte es sich einfach nur schwer an.
Ich wog 120 Kilo. Ich war außer Atem, wenn ich um die Ecke zum Rewe ging. Und während irgendwo im Hintergrund noch Musik lief und Gläser klirrten, saß da in mir schon dieser ältere Mann, der alles kommentierte, was ich tat.
Und jetzt lese ich von Manuel Neuer. Vierzig Jahre alt. Wieder im Tor für die Nationalmannschaft. Vielleicht wieder auf höchstem Niveau. Und plötzlich verschiebt sich etwas in der Wahrnehmung.
Nicht, weil das überraschend ist. Sondern weil es etwas widerspricht, das man irgendwann still gelernt hat: Dass vierzig eine Art Grenze ist. Eine unsichtbare Linie, hinter der die Körper leiser werden sollen, vorsichtiger, langsamer.
Neuer ignoriert diese Linie einfach. Er springt darüber, als gäbe es sie nicht. Und während ich das schreibe, denke ich an Oliver Baumann. An einen Torwart, der seinen Job macht, zuverlässig, unaufgeregt, lange im Schatten der großen Namen. Und plötzlich kommt dieser eine Name zurück, der alles überstrahlt.
Die Diskussion darum ist schnell da. Ist das fair? Ist das konsequent? Oder ist es einfach nur Fußball, der immer wieder nach den Besten greift, egal, wie alt sie sind? Die einen sagen: Leistung zählt. Wenn er der Beste ist, spielt er. Punkt.
Die anderen sagen: Was ist mit denen, die den Weg gegangen sind, die gespielt haben, als der Name Neuer nur noch in Verletzungsberichten auftauchte?
Und irgendwo dazwischen steht dieses Gefühl, dass beides stimmt und trotzdem etwas knirscht. Baumann hat nichts falsch gemacht. Genau das ist das Problem in solchen Geschichten. Es gibt keinen Fehler, nur Hierarchie. Keine Schuld, nur Gewicht.
Und dann sitzt man da und merkt, wie sehr Fußball auch eine Erzählung von Zeit ist. Wer kommt, wer geht, wer bleibt. Und wer plötzlich wieder da ist. Manuel Neuer ist in dieser Erzählung nicht nur ein Torwart. Er ist ein Gegenbeweis. Gegen die Vorstellung, dass Alter automatisch Rückzug bedeutet. Gegen die Bequemlichkeit, Menschen in Lebensphasen einzusortieren wie Akten in Schubladen.
Mit vierzig dachte ich, ich wäre alt. Heute, mit einundsechzig, weiß ich, wie lächerlich präzise diese damalige Überzeugung war. Ich war nicht alt. Ich war einfach nur ungeduldig mit mir selbst.
Vielleicht ist das der eigentliche Witz an der Sache: Dass man sein eigenes Leben ständig zu früh in die Vergangenheit verschiebt. Dass man denkt, das Entscheidende sei schon passiert, während es in Wirklichkeit noch mitten im Spiel ist.
Und wenn ich heute lese, dass ein Vierzigjähriger im Tor der Nationalmannschaft steht, dann ist das einerseits Sport.
Und andererseits ein kleiner, höflicher Einspruch gegen all die inneren Schaukelstühle, die man sich selbst viel zu früh hingestellt hat.
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Ronald Toplak, geboren am 5. Februar 1965 in Berlin, ist seit über 30 Jahren im Sportjournalismus für verschiedene Hauptstadt-Medien tätig. 25 davon als Redakteur beim Berliner Kurier. Er schreibt – nach einer gesundheitlichen Auszeit – nun als freier Autor.
