Ein Notarzteinsatz überschattete am Ende ein hochemotionales  Pokalendspiel, das RB Leipzig im Elfmeterschießen 4:2 gegen den SC Freiburg gewann. Unser Autor war von der Empathie beider Fanlager beeindruckt. Ein Kommentar.

Seit 1985 findet das Pokalendspiel wieder im Berliner Olympiastadion statt. Ich durfte bei den meisten dabei sein. Beruflich und privat. Die Atmosphäre ist immer phantastisch. Ein Feiertag. Für mich. Die Stadt. Das ganze Land. Gänsehaut. Im so genannten deutschen Wembley. Am Samstag holte sich RB Leipzig in einem dramatischen Finale nach Elfmeterschießen den ersten Titel der noch jungen Klubgeschichte. Ich habe in 37 Jahren wirklich viel erlebt. Doch was nach dem Spiel passierte, hat mich zutiefst bewegt und wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Für mich sind die Fans beider Seiten Sieger der Herzen. 

Ein Mann war auf der Tartanbahn direkt nach dem Schlusspfiff bewusstlos zusammengebrochen. Notarzteinsatz, Sanitäter leiteten Rettungsmaßnahmen mit Decken als Sichtschutz ein. Schockierende Szenen. Ein Mensch kämpfte um das nackte Überleben. Und jeder im Stadion, Sekunden davor noch ein brodelnder Hexenkessel, der die Ohren zum glühen brachte, bangte mit. Emotionale Vollbremsung. Von 100 auf 0. Man konnte in diesen Minuten, die einem wie eine Ewigkeit vorkamen, eine Stecknadel fallen hören. Es war mehr als beeindruckend, dass diese von einem energiegeladenen Spiel elektrisierte Masse an einem Ort, an dem sonst vor allem Lautstärke zählt, auf so erhabene Weise schweigen konnte. Dass alle Anhänger in der mit fast 80000 Zuschauern bis auf den allerletzen Platz gefüllten Arena ein Gespür dafür hatten, was in diesem Moment angemessen war.

Dann die schönste Szene, wenn man in diesem beängstigenden Moment überhaupt davon reden konnte. Als hätten alle auf der Tribüne die gleiche Vorstellung davon, was zu tun war, recken sie ihre Handys in die Luft. Ein Lichtermeer der Nächstenliebe. Smartphones, die viel kritisierten digitalen Versuchungen aus den Hosentaschen, mutierten plötzlich zu Kerzen der Hoffnung. Der Stadionsprecher gab schließlich Entwarnung, beruhigte ergriffen: „Der Patient ist jetzt stabil.“ Applaus brandete auf, als der Krankenwagen aus dem Stadion fuhr. Fast vorsichtig. Unsicher. Zurückhaltend. Sieg oder Niederlage waren völlig egal. Die schönste Nebensache der Welt wurde eben zu einer solchen. Es zählte nur die Erleichterung. Die Fanlager beider Seiten hatten ein feines Gespür für Mitgefühl bewiesen.

Die einem im Moment des größten Triumphes, sehnsüchtig die Pokalübergabe erwartend. Die anderen unter dem Eindruck einer schmerzvollen Niederlage, die ihrem Trotz lauthals ein Ventil geben wollten. Kaum jemand sprach aber ein Wort, kein Krakeeler störte. Sorgenvolle Ruhe in einem zuvor eruptiven Vulkan. Davor ziehe ich den Hut. Denn ich bin mir nicht sicher, ob dies auch bei den Anhängern anderer Endspiel-Konstellationen in dieser beeindruckend sensiblen Form der Fall gewesen wäre. Ja, es gibt ihn noch, den Fußball fernab von Gewalt und Krawallen. Von Hooligans. Idioten. Bedrohungen. Er kann trotz unterschiedlicher Vereinsfarben Verbundenheit hervorheben, der Fan zum Vorbild werden. Freiburger und Leipziger haben Menschlichkeit bewiesen. Mit einen Band der Empathie.

Es sind diese Momente, die zeigen, welch positive Seiten der Sport des Öfteren versteckt. Fairness, Respekt und Solidarität werden im Fußball oft mit Füßen getreten. Die Fans im Olympiastadion machten sich dagegen stark. Sie kämpften auf den Rängen für mehr als den Sieg des eigenen Teams. Sie haben Werte umgesetzt, die im Profisport generell dringend gebraucht werden. Sie haben mitten im gleißenden Scheinwerferlicht von Show und Spektakel ein eindrucksvolles Zeichen der Anteilnahme gesetzt. Sie haben gezeigt, was wirklich wichtig ist. Das Leben. 

Bild: picture alliance/dpa | Soeren Stache