Ademola Okulaja war einer der besten deutschen Basketballer aller Zeiten. Jetzt ist der langjährige Kapitän der Nationalmannschaft verstorben. Mit nur 46 Jahren. Sportecho-Reporter Ronald Toplak nimmt Abschied. Ein Nachruf.

Eigentlich drehen sich meine Gedanken in den letzten Tagen nur um die Relegations-Spiele von Hertha BSC gegen den Hamburger SV. Dann aber zeigte sich, wie unwichtig das alles ist. Wenn sich das echte Leben als Drecksschwein erweist. Dich weggrätscht. Brutal. Gnadenlos. So wie am Dienstagabend. Plötzlich ploppte auf meinem Smartphone eine Meldung auf. Ademola Okulaja ist tot. Wie erstarrt schaute ich auf den Bildschirm. Der „Warrior“. Nicht mehr da. Verstorben. Mit nur 46 Jahren. Ich war fassungslos. „Wir sind tieftraurig über Ademolas Tod. Er war ein Albatros der ersten Stunde und einer der ersten, der aus unserem Nachwuchsprogramm eine große Basketball-Karriere gestartet hat“, sagte Alba-Geschäftsführer Marco Baldi betroffen. „Die Alba-Familie hat einen Freund und langjährigen Wegbegleiter verloren.“

Zu Beginn seiner und meiner Karriere hatten wir viel miteinander zu tun. Er, der aufstrebende Star. Ich, der Reporter-Novize. Wir waren jung. Er noch viel jünger.

Damals, finde ich, war die Bindung von Journalisten und Sportlern noch viel enger. Persönlicher. Die Profis lange nicht so duchgestylt und glattgebügelt wie heute. Das war gut so. Man begegnete sich als Mensch. Besprach auch private Themen. Der Notizblock blieb dann in der Tasche. Man vertraute sich. 

Damals traf man sich zum Beispiel oft im State Street. Einer der ersten Sportbars an der Spree nach US-amerikanischen Vorbild. Besitzer war Karl-Heinz Granitza, Torjäger-Legende von Hertha BSC, der seine Karriere bei den Chicago Stings ausklingen ließ. Natürlich hatte Ellis immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Profis, die er aus eigener Erfahrung kannte. Er begrüßte seine Gäste immer mit Kuss und einem kleinen Kaffeelikör-Mix. Für die Stars waren Ellis und seine Frau Roswitha manchmal so etwas wie Ersatz-Eltern. Und alle, wirklich alle, kamen. Herthaner. Klar. Die Eishockey-Cracks der Preussen und Eisbären, Footballer der Adler und Rebels, die Wasserballer von Spandau 04, Hand- und Volleyballer, Leichtathleten, Schwimmer. Ich könnte endlos weiter aufzählen. Der Tresen in der Grolmannstraße wurde zum Schmelztiegel des Berliner Sports. Natürlich waren auch die Albatrosse Stammgast. Legendär zum Beispiel die Cocktail-Künste von Henrik Rödl. Es war praktisch unser Wohnzimmer. Man fühlte sich wie in einer großen Familie. 

Zu der auch Ademola gehörte.  Nicht abgehoben. Immer locker. Ein ganz normaler Typ. Der niemals seine Wurzeln vergaß. Dribbeln, Pass, Slam-Dunk: Er blieb der Straßenbasketballer, der im Sommer oft auf öffentlichen Plätzen zockte. In Parks. Käfigen. Auf Beton. Egal. Er hatte Spaß. Immer. Hauptsache ein Ball und Korb waren dabei.

Der Albatros startete richtig durch, gewann mit den Hauptstadt-Riesen 1995 den Korac-Cup. Danach ging er nach North Carolina ans College und war vier Jahre lang Leistungsträger beim UNC-Team, den berühmten „Tar Heels“. Zudem spielte er auch bei vielen europäischen Spitzenklubs wie dem FC Barcelona. Er wurde 2000 mit Alba Meister, Kapitän der Nationalmannschaft, ein prägendes Gesicht des deutschen Basketballs. Für Generationen. Sein größter Erfolg war der Gewinn der Bronzemedaille bei der WM 2002 in den USA an der Seite von Dirk Nowitzki. Nicht der NBA-Superstar, sondern Okulaja war der emotionale Anführer des Teams. Der sensationelle Erfolg der DBB-Helden jährt sich im September zum 20. Mal. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals vor Freude schier eskalierte.

Nach anhaltenden Rückenproblemen hatte er die Olympia-Qualifikation für Athen 2004 und danach auch die Spiele in Peking 2008 verpasst. Wenig später die Schock-Diagnose: Krebs. Ein Tumor hatte einen Bruch des siebten Brustwirbels hervorgerufen – sogar eine Lähmung drohte. Doch der Warrior kämpfte. Furchtlos. Durchsetzungsstark. Ein Energiebündel. Sein Motto: „Ich will gewinnen.“ Er bekam einen Titan-Wirbel. Und siegte. 2009 gab er an, genesen zu sein. Auf das Spielfeld kehrte er nicht mehr zurück. 

Aber er war am Leben, gab seine Erfahrungen als Berater weiter. Unter anderem an die NBA-Stars Dennis Schröder (Houston Rockets) und Daniel Theis (Boston Celtics).

Das Verhalten einer Diva war ihm stets fremd. Kein Autogrammjäger wurde vergessen, jeder Fotowunsch erfüllt. Sympathisch, bodenständig, glaubwürdig, menschlich – genau deshalb war er so beliebt. Um solche Reaktionen hervorzurufen, braucht es mehr als Talent. Dafür braucht es Integrität und Demut. Er war einer von uns. So werde ich ihn in Erinnerung behalten. Ewig. Erfolg veleiht Flügel. Heißt es. Jetzt sind dem Albatros die Schwingen eines Engels gewachsen. Flieg, Ademola, flieg. Bis in den Himmel.

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