Jürgen Grabowski ist tot. Weltmeister. Europameister. Ikone. Nicht nur, aber vor allem bei Eintracht Frankfurt. Am Sonntag nahmen die Fans im Waldstadion vor dem 2:1 gegen den VfL Bochum Abschied von einem der ganz Großen des deutschen Fußballs. Auch unser Autor war bewegt.

Wieder ist einer weg. So banal und flapsig es klingt, so wahr ist es. Leider. Jürgen Grabowski ist mit 77 Jahren verstorben. Der geniale Fußballer. Weltklasse. Wie ihn Kaiser Franz Beckenbauer adelte. Ich hatte daran zu knabbern, als die Nachricht Ende der letzten Woche auf meinem Smartphone aufploppte. Erneut ist also ein Idol aus meiner fußballerischen Prägungsphase gegangen. Idole. Helden. Mit denen ich aufgewachsen bin. Die ich verehre. Es werden immer weniger. Was einem die eigene Endlichkeit ins Gedächtnis ruft. 

Natürlich waren die Weltmeister von 1974 Superstars, zu denen ich aufschaute. Die Heim-WM war die erste, die ich als kleiner Junge voll bewusst erlebte. Die sich tief eingeprägt hat. Zu jedem Spiel habe ich eine Geschichte. Ich weiß genau, wo und mit wem ich geschaut habe. Dies war natürlich zumeist mein Vater. Wie auch das 4:2 gegen Schweden. Ein Abendspiel. Ich saß im Schlafanzug auf der Couch. Normalerweise hieß es nach dem Sandmännchen: Ab ins Bett. Diesmal machten meine Eltern eine Ausnahme. Ich wäre wahrscheinlich sowieso nicht eingeschlafen. So erlebte ich einen echten Krimi. Für mich der entscheidende Sieg zum Titel.

Es regnete in Strömen. Ich erinnere mich genau an die klatschnassen Trikots. Die der damaligen Mode entsprechend zumeist langen Haare klebten im bärtigen Gesicht. Das Trauma des 0:1 im Bruderduell gegen die DDR lag immer noch wie Blei auf den Schultern. Unruhe. Streitereien. Grüppchenbildung. Gegen die Wikinger stand dem DFB-Team im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Hals. Es ging aber nicht unter. Auch wegen Grabowski. Der wurde nach dem Desaster gegen die DDR im letzten Gruppenspiel als einer der Sündenböcke ausgemacht, fand sich beim 2:0 gegen Jugoslawien frustriert auf der Tribüne wieder. Gegen Schweden saß der Routnier wenigstens auf der Bank. Zum Glück. Es stand 2:2. Das Spiel auf der Kippe. Ich zitterte. Bangte. Hochspannung. Immer wieder beruhigt durch den Zuspruch meines Vaters. Offenes Visier. Längst waren alle taktischen Zwänge über Bord geworfen. Beide Teams stürmten bedingungslos, aber die Torwart-Hexer Ronny Hellström und Sepp Maier hatten ihre Hände überall. Da hatte Bundestrainer Helmut Schön einen Geistesblitz. Ihm fiel ein, dass er ja noch den zuletzt verschmähten Grabowski in der Hinterhand hatte. Bei der WM 1970 in Mexiko war er der mit Abstand beste Joker, wie man heutzutage sagen würde.

Der Frankfurter kam in der 66. Minute, bildete mit seinem Klubkollegen Bernd Hölzenbein fortan die deutsche Flügelzange. Dynamisch Unwiderstehlich. Nur neun Minuten später das fast hollywoodreife Happyend: Grabowski machte das 3:2, Uli Hoeneß in der Schlussminute per Foulelfmeter alles klar. „Mein wichtigstes Tor. Da hat mir der liebe Gott geholfen, und ich war wieder drin in der Mannschaft“, befand Grabowski rückblickend. So wie sich das Team nach seiner Einwechslung aufstellte, so blieb es auch bis zum Endspiel später in München gegen die Niederlande. Im sinnflutartigen Regen von Düsseldorf entstand der Weltmeister. Die Mannschaft hatte ihr Gesicht gefunden. Endlich. Nach Zank. Zoff. Zerwürfnissen. Prämien-Poker. Und einer oft beschriebenen Nacht in der spartanischen Sportkaserne Malente, dem von fast allen beteiligten Protagonisten verhassten Mannschaftsquartier, als der omnipräsente Kapitän Beckenbauer – Tatsache oder Legende – als Wortführer die Macht des eher gutmütigen Bundestrainers an sich riss. 

Auch im Finale war Grabowski am 2:1-Siegtreffer entscheidend beteiligt. Pass auf Rainer Bonhof, der zu Gerd Müller, Tor! Der Bomber vollendete, was Grabowski eingeleitet hatte. Am 7. Juli 1974, seinem 30. Geburtstag.

Zum begnadeten Ballvirtuosen aus Wiesbaden hatte ich eine besondere Beziehung, weil ich ein orginal unterschriebenes Sammelbild hatte. Mein älterer Cousin hatte mir seinen Ordner geschenkt. Karl-Heinz Schnellinger, Franz Beckenbauer, Berti Vogts, Günter Netzer, Sepp Maier und viele andere waren plus Autogrammen fein säuberlich abgeheftet. Einen Schatz, den ich wie meinen Augapfel hüte. Immer noch.

Viel hatte ich mit Eintracht Frankfurt zwar nicht zu tun. Als Fan von Hertha BSC. Aber auf die Weltmeister achtete man schon. So auch, als Grabowski und Hölzenbein wenige Monate nach dem Titelgewinn im Olympiastadion antraten. Ich war dabei. Mit meinen Schulkumpels Rainer Zuppe und Thomas Klingelbiel sah ich einen 2:1-Erfolg der alten Dame. Ein unvergessenes Erlebnis. Natürlich gab es damals für die globalen Champions Applaus, auf die man auch als Berliner stolz war.

Seine Weggefährten beschrieben Grabowski als herzensguten Menschen. Frei von Allüren, bescheiden, bodenständig, kein Lautsprecher. Er stand für Ästhetik, das Elegante des Spiels. Er war Denker. Lenker. Stratege. Er streichelte das Leder. Statt es schnöde zu treten. Grabowski war ein Spieler, den ich immer besonders cool fand. Unaufgeregt. Lässig. Alles andere als extrovertiert. Wie so viele seiner Kollegen. Er wirkte auf mich ein bisschen wie Clint Eastwood, der in Westernfilmen als wortkarger Cowboy mit geheimnisvoller Aura einen Saloon betritt, den Gästen allein durch seine Ausstrahlung den Atem raubt. Der stille Künstler wurde er genannt. Aber hinter der stoischen – fast melancholischen Fassade – erkannte man, wenn man ganz genau hinschaute, immer ein verschmitztes Lächeln. 

Später lernte ich ihn beruflich kennen, als Hertha im Waldstadion gastierte. Natürlich war „Grabi“ da. Staunend sah ich, wie dieser Mann am Main als Heiliger vereehrt wurde. Die Menschen waren betrunken. Wie im Rausch. Nicht vom Äppelwoi, sondern seiner Aura. Eine ähnliche Hingabe erlebte ich später nur noch bei Eishockey-Legende Lorenz „Lenz“ Funk, wenn der die Eis-Arenen seiner Heimat Bayern betrat.

441 Bundesliga-Spiele, 109 Tore, alle für die Eintracht. Er war Weltmeister, WM-Zweiter, WM-Dritter, Europameister, DFB-Pokalsieger. Den Uefa-Pokal nach dem Sieg gegen Mönchengladbach nahm er in Zivil entgegen. Zwangsläufig. Er fehlte verletzt. Nach einer Grätsche des blutjungen Lothar Matthäus. Sprunggelenk. „Grabi, Grabi“, donnerte es von dem Rängen. Es war der 21. Mai 1980. Danach musste er seine Karriere beenden. „Im Fuß war alles kaputt.“

Am Sonntag gab es bewegende Bilder aus dem „Deutsche Bank Park“. Seine Fans nahmen zum letzten Mal Abschied. Beim Heimspiel der Eintracht gegen den VfL Bochum, das Frankfurt mit 2:1 gewann. Sie huldigen ihrem Idol in tiefer Zuneigung. Wie sie es immer tun. In der Eintracht-Hymne: „Wir haben die Eintracht im Endspiel geseh’n, mit dem Jürgen, mit dem Jürgen!“ Darauf war er übrigens „ein bisschen“ stolz. „Helden leben lange, und Legenden sterben nie. Doch auferstehen werden nur Götter. Bis bald, Grabi!“, so stand es in großen Lettern in der Nordwestkurve. Präsident Peter Fischer las den Spruch vor, hielt dabei Grabowskis Frau Helga im Arm – und fügte, auf den Anhang schauend, ergriffen hinzu: „Helga, das ist Deine Familie. Jürgen wird nie ganz gehen.“ Stimmt. Sein Autogramm ist auch für mich nicht einfach nur irgendein Federstrich auf einem Sammelbild, sondern eine prägende Signatur, die sich durch mein Leben zieht. Die bleibt. Eine Lebensline.

Bild: picture alliance/dpa/Kessler-Sportfotografie | Jürgen Kessler