Unser Autor ist immer noch im Bann. Er erlebte ein magisches und hochemotionales Sportmärchen, das er sein Leben lang nicht vergessen wird. Das unglaubliche Comeback von Christian Eriksen in der dänischen Fußball-Nationalmannschaft. Verdiente Ovationen in Amsterdam und Kopenhagen. Für einen Kämpfer. Nach seinem Herzstillstand bei der EM im vergangenen Sommer.

Das Flutlicht erhellt eine Rasenfläche in hellgrüne Farbe. Aus dem Schatten kommt ein Mann und kniet in der Mitte des Platzes nieder. Er streckt beide Hände aus, streicht sanft mit den Handflächen und weit gespreizten Fingern über die kühlen, noch taunassen Grashalme. Von den Fingerspitzen aus durchströmt ein wohliges Gefühl seinen Körper. Der Mann schließt die Augen. Er saugt diesen Augenblick in sein Gedächtnis. Es ist das pure Glück, das sich wie ein Wasserfall über ihn ergießt. Es ist Christian Eriksen.

Gerade hat er die Welt an einem magischen Moment teilhaben lassen. Traum-Comeback nach 287 Tagen, Traum-Tor nach 114 Sekunden: Die Rückkehr des Kapitäns der dänischen Nationalmannschaft ist das Fußball-, das Sportmärchen des Jahres. Trotz der 2:4-Niederlage im Test gegen die Niederlande. Das Ergebnis ist nur Statist in dieser wunderschönen Geschichte. Dieses Ereignis wird das zweite Leben des dänischen Stars für immer prägen. 

Am 12. Juni 2021 war Eriksen beim EM-Spiel gegen Finnland in Kopenhagen mit einem Herzstillstand zusammengebrochen. Schockierende Bilder. Sein Leben hing an einem seidenen Faden. Es folgten Monate des Leidens. Des Zweifels. Der Ungewissheit. Eine Phase, die nun endgültig der Vergangenheit angehört. Eriksen hat sich im Nationaltrikot zurückgemeldet. Und wie! Als der heldenhafte Protagnist zur Halbzeit auf den Rasen trabte, erhob sich der Beifall der 50.000 Fans auf den Rängen der Johan-Cruijff-Arena wie ein Crescendo. Ein Orkan des Jubels fegte durch das Stadion. Holländer. Dänen. Europa. Ach was, die ganze Welt umarmte sich. Umarmte ihn. Vor Freude. Ein Schicksal vereinte die Nationen. Nur knapp zwei Minuten nach Eriksens Einwechslung – totale Exstase. Der Regisseur versenkte das Spielgerät im Stile großer Ballvirtuosen unnachahmlich links im Netz. Ein Traumtor. An einem Traumtag. In seinem Theater der Träume. Was für ein Schauspiel. In! Jeder! Beziehung! Fantastischer hätte auch die Traumfabrik Hollywood kein Happyend inszenieren können.

Erst vor einem Monat hatte er sein Pflichtspiel-Comeback gegeben, inzwischen ist Eriksen beim FC Brentford in der englischen Premier League angestellt. Bei seinem Ex-Klub Inter Mailand durfte er mit dem ihm eingesetzten Defibrillator nicht mehr spielen. Die Statuten lassen es nicht zu. Eine fragwürdige Entscheidung.

Dabei wäre Eriksens Comeback fast noch gescheitert. Corona! Was sonst?! Aber er meldete sich rechtzeitig fit. Dem Himmel sei dank! Der FC Brentford, sein neuer Arbeitgeber, formulierte es passend via Twitter: „Eine perfekte Story“. Die sogar noch magischer, noch schöner, noch emotionaler wurde. Das geht wirklich. Denn Eriksen führte sein Team nur drei Tage nach seinem Comeback im Kopenhagener Parken-Stadion als Kapitän auf das Feld. Bei seiner Rückkehr an den Ort des dramatischen Zusammenbruchs traf er gegen Serbien zum 3:0-Endstand. Vor dem Anpfiff wurde er von den Fans frenetisch gefeiert und mit einem Plakat mit den Worten „Willkommen zu Hause Eriksen“ begrüßt. Dass er mit der Binde auflaufen konnte, war auch Torwart Kasper Schmeichel zu verdanken. Der Co-Kapitän hatte Nationaltrainer Kasper Hjulmand vorgeschlagen, dass Eriksen das Team in Abwesenheit des verletzten Simon Kjaer anführen soll. Hjulmand willigte ein. „Es ist fantastisch, Christian zurück zu haben. Wir haben ihn vermisst“, sagte Schmeichel über den 111-maligen Nationalspieler. Ein ergreifendes Gedanken-Karussell in Dauerschleife. „Nach diesem Empfang bei der Rückkehr ins Parken-Stadion ein Tor zu erzielen: Da bekommst du Gänsehaut“, brach es aus dem 30-Jährigen heraus. „Diese Nacht nimmt einen sehr hohen Stellenwert ein.“

Selten schien das Glück so zerbrechlich, wie jetzt, wo es auf europäischem Boden wieder eine waffenstarrende Konfrontation gibt: den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, der die Nachkriegsfriedensordnung ins Wanken bringt. Es gibt nichts zu beschönigen. Wir leben in furchterregenden Zeiten. Noch längst nicht abgeklungen sind die Corona-Stürme, die uns Machtlosigkeit, Angst, Trauer ins Gesicht peitschten. Und nun donnert es von Osten her noch viel bedrohlicher.

Aber selten war das Glück auch so sichtbar wie jetzt, in denen wir Glücksmomente wie die von Eriksen gierig aufsaugen. Die zeigen, was wirklich wichtig ist. Mitfühlen. Menschlich zu sein. Miteinander menschlich zu sein.

Augenblicke sind die Orgasmen der Zeit. Eben solche spürte die Welt, die Anteil nahm. An diesem Kämpfer. Einem Vorbild, das einem persönlichen Drama die Faust zeigt. Niemals aufgibt. Sein Herz- ist ein Paukenschlag. Lautstark! Gewaltig! Er ist wieder da. Atmet. Fühlt. Vor allem den Fußball. Sein Spiel. Seine Leidenschaft. Seine große Liebe. Die stärker ist als der Tod. Ein Lichtstrahl in dunklen Tagen. Ein Zeichen an das Leben. Für das Leben. Für Zusammenhalt. Er schenkte uns unvergessliche, aber auch zweideutige Augenblicke. Weil sich Zeit und Ewigkeit miteinander berührten. Augenblicke, nach dem wir in diesen düsteren Tagen lechzen. Augenblicke, die verbinden. Augenblicke des Willens. Des Überlebenswillens. Augenblicke der Hoffnung. Augenblicke, die Kraft geben. Uns allen. Danke dafür! Wie heißt es: Die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Bei Christian Eriksen ist dies im wahrsten Sinne des Wortes der Fall.

Bild: picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Peter Dejong