Zum Inhalt springen

Zverev: Paris, mon amour!

Als Alexander Zverev auf dem roten Sand von Paris lag und weinte, stand plötzlich ein Junge aus den Siebzigern wieder vor mir. Er trug weiße Tennissocken. Die Knie waren aufgeschürft. In der Hand hielt er einen Dunlop-Holzschläger, schwer wie ein Vorschlaghammer. Er glaubte, dass ein Rasenplatz in Kent ungefähr dasselbe sei wie Wimbledon. Dieser Junge war ich. Beim ersten Triumph eines Deutschen in der Open-Ära der French Open stand die ältere Version von mir am Rande des Nervenzusammenbruchs. 

John McEnroe hatte kürzlich über Zverev gesagt, er sei der beste Spieler der Geschichte, der nie einen Grand Slam gewonnen habe. Ein Satz, der klingt wie ein Kompliment und eine Tragödie zugleich. Denn im Tennis gibt es Titel, und es gibt die Titel. Olympiasieger. ATP-Weltmeister. Nummer zwei der Welt. Alles beeindruckend. Alles toll. Alles super. Aber ein Grand Slam ist etwas anderes. Er ist kein Pokal. Er ist ein Ritterschlag. Eine Eintrittskarte in die Geschichtsbücher.

Dreimal war Zverev schon bis an diese Tür gelangt. Dreimal blieb sie verschlossen. Deshalb saß ich auf meinem Sofa und tat, was Menschen tun, die Angst vor Enttäuschungen haben. Ich nahm Reißaus. Die Fernbedienung lag zitternd in meiner Hand wie ein Fluchtfahrzeug. Immer wieder schaltete ich um. Im ZDF etwa lief eine Dokumentation über die Liebe. Ausgerechnet. Ein seltsamer Ort, um sich vor einem Tennisfinale zu verstecken. Aber dort konnte mir wenigstens kein Matchball das Herz brechen. „Der packt es doch wieder nicht“, murmelte ich. Also blieb ich dort. Für drei Minuten. Dann zog mich Paris wieder zurück. Mon amour. Die echte Stadt der Liebe. Der rote Sand. Die Spannung. Die Angst.

Manche Spiele verwandeln selbst die Couch in einen Schleudersitz. Man schaut sie nicht mit den Augen. Sie bestehen aus Herzschlägen. Dieses war so eines. Als Zverev schließlich zum Matchball bereitstand, war Weglaufen keine Option mehr. Man kann vor einer Niederlage fliehen. Vor einem möglichen Wunder nicht. Der Ballwechsel dauerte nur wenige Sekunden. Die Erleichterung? Endlos.

Zverev gewann. 6:1, 4:6, 6:4, 6:7, 6:1 gegen Flavio Cabolli aus Italien. Der 29-Jährige sank zu Boden. Als hätte ihn jemand von einer Last befreit, die er viel zu lange getragen hatte. „Bisher habe ich mich wie ein Verlierer gefühlt. Jetzt hat alles ein Happyend“, sagte der Hamburger, nachdem er sich in einem dramatischen Kampf den Überraschungsstar aus Rom zur Brust genommen hatte. Vierzig Grand-Slam-Turniere. Vierzig Anläufe. Vierzigmal Hoffnung, Zweifel, Erwartungen. Enttäuschungen. Jetzt war plötzlich alles vorbei. Geschafft. Ich riss die Arme hoch „Jaaaaaaaa!“ Der Schrei schoss von meinem Balkon in den Abendhimmel, als hätte ich selbst gerade den Pokal in die Höhe gestemmt. Die Nachbarn schauten erschrocken. Die Blumenkübel wackelten. Hunde bellten. 

Mit 61 Jahren benimmt man sich eigentlich nicht mehr so. Eigentlich. Aber Sport hat sich noch nie für Vernunft interessiert. Ich gehöre zu jener Generation, die vom Tennisfieber der Achtziger erfasst wurde wie von einem perfekt getroffenen Schmetterball. Boris Becker. Steffi Graf. Michael Stich.

Plötzlich wurden Wäscheleinen zu Netzen. Bolzplätze zu Centre Courts. Filzkugeln verdrängten die Lederpille. Fußballtöppen 

hatten Pause. Bei uns in West-Berlin vielleicht auch deshalb, weil Hertha BSC damals ungefähr so viel Hoffnung verbreitete wie ein verregneter Nachmittag im November, gerade in die Oberliga abgestürzt war. Tennis dagegen war Aufbruch. Tennis war Glamour. Tennis war die Vorstellung, dass irgendwo hinter dem nächsten Volley ein größeres Leben wartete. 

Meine eigene Tennisgeschichte begann noch früher. Ende der Siebziger. Damals hieß die deutsche Hoffnung Ulli Pinner. Na? Wer erinnert sich heute noch an ihn? Ich schon. Egal. Ich war auf Sprachreise in Tunbridge Wells. Kent. England. Es gab ein Schülerturnier. International. Rasen. Für einen Teenager aus Berlin war das nicht einfach ein Tennisturnier. Das war Wimbledon. Zumindest fühlte es sich so an. Meine Eltern hatten mir extra einen Schläger gekauft. Dunlop. Holz. Das Nonplusultra jener Zeit. Ich kam bis ins Halbfinale. Dort wartete ein Italiener namens Massimo. Er gewann in drei Sätzen. Umstritten. Trotzdem bis heute mein größter Erfolg in einer Einzelsportart (Foto: meine Fans und ich). Der Schläger steht noch im Keller. Zwischen alten Kartons, vergessenen Fotoalben und den Dingen, die man nie wegwirft, weil sie einen Teil des eigenen Lebens bewachen. Vielleicht dachte ich deshalb am Sonntag nicht nur an Zverev. Vielleicht dachte ich auch an den Jungen von damals. An seine Träume. An seine Niederlagen.

Becker und Stich wurden später Volkshelden. Sie gehörten zur Popkultur dieses Landes. Ihre Spiele waren Straßenfeger. Menschen planten ihren Tag nach Tennisübertragungen. Zverev ist nie das Idol der Massen geworden. Trotz seiner Erfolge. Trotz seiner Klasse. Trotz seiner Beharrlichkeit. Ich fürchte, dass auch dieser Triumph daran nicht viel ändern wird. Eigentlich schade. Das hat er nicht verdient. 

Denn es gibt noch eine andere Geschichte. Eine wichtigere. Alexander Zverev lebt mit Typ-1-Diabetes. Als Kind hörte er von den Ärzten, dass Spitzensport und diese Krankheit kaum zusammenpassen würden. Er hat diese Prognose zerlegt wie mit einem knallharten Ass. Auch ich lebe mit Diabetes. Ich weiß, wie schnell der Körper Grenzen setzt. Wie oft man rechnen, planen, kontrollieren muss. Wie anstrengend Normalität manchmal sein kann. Ein Fünf-Satz-Finale in Paris? Für mich unvorstellbar. Bei mir reicht manchmal schon ein langer Spaziergang, um die Reservelampe rot aufleuchten zu lassen.

Doch dann steht dort dieser Mann. Vier Stunden und sechzehn Minuten auf höchstem Niveau. Unter Druck. Unter Beobachtung. Unter Erwartungen. Und gewinnt. Nicht nur ein Tennismatch. Sondern auch gegen all jene, die ihm einst gesagt haben, was angeblich nicht möglich sei. „Was für ein Sieg für alle, die mit dieser Krankheit leben“, lobt Tennis-Ikone Billie Jean King. Deshalb bewundere ich ihn mehr als für jede Vorhand entlang der Linie. Er hat eine Stiftung für Kinder mit Diabetes. Womöglich ist die Alexander Zverev Foundation (Motto: „Aufschlag gegen Diabetes!“) am Ende bedeutender als jeder Pokal.

Als die Siegerehrung vorbei ist und die Nacht langsam über Paris fällt, nicke ich ein. Ermattet. Als hätte ich selbst jeden Ball auf dem Court Philippe-Chatrier ausgegraben. Ich sehe einen Mann auf dem Platz knien. Es ist Zverev. Irgendwo daneben stehe ich mit meinem Holzschläger. Er schaut zu. Fast fünfzig Jahre liegen dazwischen. Aber in diesem Moment verschmelzen Zeit und Raum. Ich bekomme meine Revanche gegen Massimo Diesmal gewinne ich. 

Fantasie und Wirklichkeit. Das Telefon klingelt. Aus der Traum. Ich schrecke hoch. „Hast du das gesehen?“ Ich lächele. Und es ist, als hätten sich zwei Zeiten gleichzeitig über den roten Sand gelegt.

Dreißig Jahre nach Boris Beckers letztem Grand-Slam-Sieg in Melbourne hat wieder ein Deutscher ein Major-Turnier gewonnen. Es wäre Sascha, so sein Spitzname, zu gönnen, wenn die Nation auch ihn in ihr Herz schließt.